link to die wiesenburg fb
bgd
Geschichte der Wiesenburg

Als im Jahr 1868 die Kaufmannsgattin Berta Hirsch-Neumann das erste Mal ein Obdachlosenasyl der Stadt Berlin besucht, schlägt ihr das Elend offen entgegen und sie initiiert in Folge dessen die Gründung des „Berliner Asyl Vereins“. Prominente Gründungsmitglieder waren der Arzt Rudolf Virchow, der Mitbegründer der SPD Paul Singer, die Industriellen Borsig und Bolle und einige weitere Industrielle und Menschen aus der jüdischen Bevölkerung Berlins. Ein erstes Asyl wurde 1870 dort eröffnet, wo heute die Volksbühne steht. Als mit der Reichsgründung 1871 Berlin zur größten Industriestadt Europas anwuchs, stiegen die Wohnungsnot und somit die Obdachlosenzahlen gleichermaßen.

Der Berliner Asyl Verein rief zu Spenden auf, veranstaltete Benefizveranstaltungen und fand viele wohlhabende Spender, so dass er das knapp 13000 qm große Gelände in der Wiesenstraße kaufen konnte. 1896 entstand nach einem Jahr Bauzeit, entworfen von den Architekten Töbelmann und Schmock hier das größte und modernste Obdachlosenasyl der Welt.


Die Wiesenburg


Eine Einrichtung, die teilweise autark existieren konnte - mit eigener Stromversorgung und einem 112 m tiefen Brunnen. Schnell nannte der Volksmund diesen Ort 'die Wiesenburg', eine Einrichtung in der bis zu 700 Männer ein kostenloses, kurzfristiges Obdach fanden. Hier spielte Religion keine Rolle. Stattdessen wurden in der seuchenanfälligen Stadt durch moderne Betten, das Desinfizieren und Waschen der Kleidung und die Möglichkeit zum Duschen und Baden der Asylisten neue Standards gesetzt.


Sammelhalle Sammelhalle,



Außerdem konnte man hier, im Gegensatz zu den städtischen Asylen anonym an bis zu vier Tagen im Monat eine Bettstatt erhalten. Jeder Obdachlose bekam eine warme Mahlzeit am Abend und ein kleines Frühstück am Morgen.

Hier wurden diese Menschen erstmals menschenwürdig behandelt und mit Offenheit und Fürsorge umgeben. 1907 wurde das Gelände erweitert und ein Bereich für die Übernachtungen von 400 Frauen bzw. Kindern geschaffen, so dass das Asyl nun 1100 Betten hatte und pro Jahr bis um die 300000 Übernachtungen verzeichnen konnte.

frauen asyl„Haus der unglücklischen Frauen“, Künstler unbekannt

Während des 1. Weltkrieges zog das Militär ein und nach 1918 waren viele der Stifter in finanziellen Nöten, so dass nun der Asylbetrieb nur mit städtischer Unterstützung weitergeführt werden konnte. 1926 wurde das gesamte Gelände an die jüdische Gemeinde verpachtet und im Jahr 1935 von den Nazis enteignet.

Eine Fahnenfärberei zog ein, welche unter anderem Flaggen für die Olympischen Spiele fertigte, die Rüstungsindustrie fand ihren Platz, um das Militär zu beliefern und das Naziregime versuchte die soziale und jüdische Vergangenheit vergessen zu machen. Zwangsarbeiter arbeiteten dem Krieg zu, wurden ausgebeutet und starben teilweise. In den letzten Tagen des Krieges wurden große Teile des Asyls von Brandbomben zerstört – wohnungslose Familien zogen in das ehemalige Verwaltergebäude, so auch die Nachfahren einer der Stifter, welche bis zum Jahr 2014 die Hausverwaltung inne hatten.

Das Besitzerehepaar, welche den Berliner Asyl Verein weiter fortführte, öffnete das Asyl in den folgenden Jahrzehnten für Handwerker, Kleinbetriebe, Künstler und vor allem für die Schüler zweier Weddinger Schulen, für die sie sich auf unterschiedlichste Art und Weise engagierten. Ihr Einsatz gründete sich auf den Grundsätzen der Selbstlosigkeit und Gemeinnützigkeit. Geben galt hier schon immer seliger als denn Nehmen.

Ein überlieferter Satz aus Zeiten des Asyls wurde zum Leitfaden:
„Die Wiesenburg wird so lange stehn, bis dass die Welt mag untergehn.“ Der besondere Charme der Wiesenburg zog schon zu Asyl-Zeiten Künstler und Schriftsteller an. Menschen wie Tucholsky, Rosa Luxemburg, Kästner, Fallada und der Hauptmann von Köpenick (Wilhelm Voigt) nächtigten in den Schlafsälen aus zeitweiser Not und / oder aus Interesse bzw. Recherchegründen für die neuesten Werke.


    rosa luxemburg   KURT TUCHOLSKY  Hans Fallada    Erich Kaestner   Wilhelm Voigt
    Rosa Luxemburg    Kurt Tucholsky     Erich Kästner          Hans Fallada          Wilhelm Voigt

Fritz Lang drehte hier 1929 Szenen in diesen Sälen für seinen Film „M- eine Stadt sucht einen Mörder“ – ein Original-Scheinwerfer der Dreharbeiten fand sich Jahrzehnte später in den Räumlichkeiten wieder. Weitere Filme u.a. „Der Vagabund“ wurden hier damals gedreht.

In den 70iger und 80iger Jahren entdeckten weitere Filmemacher diesen mittlerweile teilweise zerstörten, aber verwunschenen und zauberhaften Ort.

Schlöndorff drehte hier die Szenen der Reichskristallnacht für seinen oscarprämierten Film „Die Blechtrommel“. Da das ehemalige Eingangsportal des Männerasyls, vom selben Architekten erbaut, dem der Danziger Synagoge nachempfunden war, fand sich hier der perfekte Drehort.

G√ľnther GrassGünther Grass, David Bennet & Volker Schlöndorff, 1978


Fassbinder drehte auf der Wiesenburg Szenen aus „Lilli Marleen“, Ballmann Szenen für seine ZDF-Fallada-Serie „ein Mann will nach oben“, Filme wie „Tadellöser und Wolf“, „Fabian“, „Der Gehilfe“ und „Die Buschow's“ fanden hier den perfekten Drehort.